
Quentin Benault neuer Geschäftsführer von e-LOGIK
31.03.2026 um 15:33 UhrDie aktuellen geopolitischen Spannungen, steigenden Energiepreise und zunehmenden Handels-konflikte wirken nicht isoliert, sondern gleichzeitig entlang globaler Lieferketten. Für Schweizer KMU in Industrie, Handel und Logistik entsteht daraus ein systemischer Stresstest. Der Beitrag zeigt, warum nicht einzelne Faktoren entscheidend sind, sondern ihr Zusammenspiel – und weshalb Supply Chain Management zunehmend zur zentralen Steuerungsfunktion wird.
Von: Daniel Bubendorf
Einordnung: Mehr als eine klassische Krise
Die aktuellen Entwicklungen werden häufig als Folge einzelner Ereignisse interpretiert – steigende Ölpreise, geopolitische Spannungen oder handelspolitische Konflikte. Aus Sicht des Supply Chain Managements greift diese Betrachtung jedoch zu kurz. Für Schweizer KMU in Industrie, Handel und Logistik entsteht derzeit kein isoliertes Problem, sondern ein struktureller Stresstest entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die entscheidende Veränderung liegt nicht in einzelnen Faktoren, sondern in deren gleichzeitiger Wirkung.
Überlagerung systemischer Einflussfaktoren
Die aktuelle Situation ist geprägt durch die Kombination mehrerer Entwicklungen:
- anhaltende Auswirkungen des Ukraine-Krieg
- zunehmende handelspolitische Spannungen im globalen Kontext
- geopolitische Risiken im Nahen Osten mit direkten Auswirkungen auf die Energieversorgung
Diese Überlagerung führt zu einer erhöhten Volatilität entlang globaler Lieferketten. Systeme, die über Jahre auf Effizienz und Kostendruck optimiert wurden, geraten zunehmend an ihre Grenzen.
Energie als systemischer Treiber
Die aktuelle Diskussion fokussiert häufig auf den Ölpreis. Für Unternehmen ist jedoch das gesamte Energiepreisgefüge entscheidend.
Öl, Gas und Strom wirken in enger Wechselbeziehung und beeinflussen sämtliche Stufen der Wertschöpfung:
- Industrie: energieintensive Produktionsprozesse
- Handel: Beschaffungskosten und Lagerhaltung
- Logistik: Transport- und Distributionskosten
Die Wirkung erfolgt kaskadenartig entlang der Supply Chain. Kostensteigerungen entstehen gleichzeitig in mehreren Bereichen und verstärken sich gegenseitig. Ein wesentlicher Teil dieser Effekte entsteht ausserhalb des eigenen Unternehmens – bei Lieferanten und in vorgelagerten Prozessen. Energie ist damit nicht mehr nur ein Kostenfaktor, sondern ein verbindendes Element, das Kosten, Risiko und Verfügbarkeit gleichzeitig beeinflusst.
Vom Handelskonflikt zur globalen Fragmentierung
Parallel dazu verändert sich das internationale Handelsumfeld grundlegend. Was ursprünglich als Zollkonflikt USA–China wahrgenommen wurde, hat sich zu einem umfassenderen Muster entwickelt. Handelspolitische Instrumente werden zunehmend auch gegenüber weiteren Wirtschaftsräumen eingesetzt. Zölle, Subventionen und regulatorische Eingriffe führen zu einer Fragmentierung des Welthandels. Globale Lieferketten werden durch regionale Strukturen ergänzt oder teilweise ersetzt. Für Schweizer KMU ergibt sich daraus eine spezifische Herausforderung: Sie sind selten direkt betroffen, jedoch nahezu immer indirekt. Als Teil internationaler Wertschöpfungsketten wirken sich Veränderungen unmittelbar auf Beschaffung, Produktion und Absatz aus.
Industrie, Handel und Logistik gleichermassen betroffen
Ein zentrales Merkmal der aktuellen Entwicklung ist die gleichzeitige Betroffenheit aller Akteure entlang der Supply Chain. Industrieunternehmen sehen sich steigenden Produktionskosten, volatilen Rohstoffpreisen und unsicheren Lieferketten gegenüber. Handelsunternehmen kämpfen mit steigenden Beschaffungskosten, schwankender Verfügbarkeit und wachsender Komplexität. Logistikunternehmen stehen unter Druck durch steigende Energie- und Transportkosten sowie erhöhte Anforderungen an Flexibilität und Stabilität. Diese Effekte wirken nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig. Störungen in einem Bereich übertragen sich unmittelbar auf andere Stufen der Wertschöpfungskette.
Strukturelle Schwächen werden sichtbar
Der aktuelle Druck legt strukturelle Defizite offen, die in stabilen Zeiten weniger sichtbar waren.
In vielen Unternehmen zeigt sich:
- fehlende End-to-End-Transparenz entlang der Lieferkette
- unzureichende Integration von Kosten-, Risiko- und Serviceperspektiven
- starke Abhängigkeit von operativer Abstimmung statt struktureller Steuerung
Diese Muster ermöglichen kurzfristige Stabilität, sind jedoch unter zunehmender externer Belastung nur begrenzt tragfähig.
Implikationen für die Steuerung von Lieferketten
Die aktuellen Entwicklungen erfordern ein Umdenken. Supply Chain Management entwickelt sich zunehmend von einer operativen Funktion zu einer zentralen Steuerungsdisziplin.
Im Fokus stehen:
- Transparenz über Kosten, Risiken und Abhängigkeiten entlang der gesamten Wertschöpfungskette
- gezielte Diversifizierung und Absicherung von Lieferanten- und Transportstrukturen
- Integration von Industrie, Handel und Logistik in eine gemeinsame Steuerungslogik
- Aufbau robuster und gleichzeitig anpassungsfähiger Supply-Chain-Strukturen
Effizienz bleibt wichtig, reicht jedoch nicht mehr aus. Zunehmend entscheidend ist die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen und auf Veränderungen reagieren zu können.
Fazit
Die aktuellen Entwicklungen markieren keine kurzfristige Störung, sondern eine strukturelle Veränderung der Rahmenbedingungen. Es handelt sich weder um einen isolierten Ölpreisschock noch um einen einzelnen Handelskonflikt. Vielmehr zeigt sich eine Kombination aus Energiepreisverschiebungen und geopolitischer Fragmentierung, die die gesamte Supply Chain betrifft. Für Schweizer KMU in Industrie, Handel und Logistik bedeutet dies: Die Fähigkeit, die eigene Lieferkette integriert zu verstehen und zu steuern, wird zunehmend zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Daniel E. Bubendorf ist Gründer und Inhaber der The Supply Chain Experts GmbH (SC-X). Das auf Supply Chain Management und Nachhaltigkeit spezialisierte Beratungsunternehmen ist schwergewichtig in der Schweiz tätig und bietet massgeschneiderte Dienstleistungen für Unternehmen, die ihre Lieferketten optimieren und nachhaltiger gestalten möchten.
Mit langjähriger Erfahrung begleitet SC-X Industrie-, Handels- und Logistikunternehmen bei der ESG-Integration entlang globaler Lieferketten – mit besonderem Augenmerk auf anspruchsvolle und regulierte Logistikumfelder wie z. B. temperaturgeführte Prozesse.






